Ekonomi

Published on Ağustos 19th, 2018 | by Avrupa Forum 3

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Was kann den Lira-Crash stoppen? – Dyrk Scherff

Die türkische Währung verliert jeden Tag an Wert. Die Regierung hat verschiedene Möglichkeiten, den Verfall aufzuhalten – keine dürfte Erdogan leichtfallen.

Erst kräftig draufhauen, dann für Vertrauen werben: Daran versucht sich gerade die Türkei. Was im normalen Leben schon schwer ist, ist für das Land am Bosporus noch mühsamer. Denn es hat in den vergangenen Monaten durch allzu scharfe Worte ihres Präsidenten Erdogan in Richtung Ausland sowie wirtschaftspolitische Irrwege einiges Vertrauen verspielt.

Doch am Donnerstag hat Finanzminister Berat Albayrak, der Schwiegersohn des Präsidenten, versucht, die Wogen zu glätten. Er sprach in einer mit Spannung erwarteten Telefonkonferenz zu 3000 Finanzinvestoren und wollte damit die Anleger beruhigen. Das schien kurzfristig sogar zu funktionieren. Der Kurs der türkischen Lira, der Gradmesser der Angst der Investoren, stieg. Er hatte das schon die ganze Woche getan. Doch schon am Freitag war damit wieder Schluss, als der amerikanische Finanzminister weitere Sanktionen androhte. Die Lira verlor nochmals fünf Prozent an Wert. Vor einer Woche war sie sogar um 20 Prozent an einem Tag nach unten gekracht, als Amerikas Präsident Donald Trump Strafzölle ankündigte.

Verkaufswelle kann schell zur Riesenwelle werden

Aber wie kann eine Währung überhaupt so heftig fallen? Am Devisenmarkt kommt das äußerst selten vor. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Türkei am Kapitalmarkt kein unwichtiges Land ist. Der Staat, aber vor allem seine Banken, Unternehmen und Bürger, sind im Ausland mit fast einer halben Billion Dollar verschuldet. In Schwellenländerfonds haben türkische Papiere fast zehn Prozent Anteil. Bei einer solchen Bedeutung schauen Anleger genau hin, was sich in der Türkei tut, schließlich wollen sie das verliehene Geld zurückhaben. Und dann sind auch die Kursbewegungen besonders heftig, wenn mal eine Verkaufswelle in Gang kommt.

Sie bahnte sich schon in den vergangenen Monaten an, weil sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechterte. Die Inflation ist immer mehr angestiegen und beträgt rund 16 Prozent. Doch die Notenbank hält nicht mit Zinserhöhungen dagegen, Präsident Erdogan hat das verhindert und sich damit in die eigentlich autonome Geldpolitik eingemischt – ein fatales Signal an die Finanzmärkte. Gleichzeitig heizte er seit seiner Wiederwahl im Juni die Konjunktur mit öffentlichen Mitteln zusätzlich an.

Die Anleger waren also schon nervös und alarmiert, als Trump seine Strafzölle wegen der Inhaftierung eines amerikanischen Priesters ankündigte. Die Zölle selbst haben nur eine minimale Bedeutung, sie beeinträchtigen nur wenige Prozent des türkischen Exports. Die Ankündigung war also in einer angespannten Lage nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Doch wenn eine Verkaufswelle einmal in Gang kommt, dann kann sie schnell zu einer Riesenwelle werden. Wie vor einer Woche: „Jeder Anleger möchte dann der Erste sein, der verkauft“, sagt Gunter Deuber von der auf Osteuropa und die Türkei spezialisieren Raiffeisen Bank International in Wien. Er leitet dort die volkswirtschaftliche Analyse dieser Länder.

Angst um Schwellenländer wächst

Hinzu kommen sogenannte Short Seller, die am Kursverfall der Lira verdienen wollen. Das zeigen Zahlen von den Terminmärkten. Anfang Juli wurde noch mit genauso viel Geld auf steigende Lira-Kurse spekuliert wie auf fallende. Seitdem ist der Anteil der Spekulanten, die auf einen Währungscrash setzen, massiv angestiegen, vor allem im August. Wirklich positiv auf die Lira gestimmt waren die Anleger zuletzt im September 2017. Es wäre aber übertrieben, deswegen Erdogan recht zu geben, der von einer Verschwörung und einem Währungskrieg der „internationalen Zinslobby“ gegen sein Land spricht. Das größte Volumen haben nämlich diejenigen Anleger bewegt, die aus Sorge vor der Entwicklung in der Türkei ihr Geld in Sicherheit bringen wollten. Mittlerweile hat die Türkei das Short Selling auch erschwert.

Dass die türkische Lira hingegen seit vielen Jahren permanent in gemäßigtem Tempo abwertet, ist nicht ungewöhnlich. Es ist sogar typisch für ein Land, in dem die Inflation höher ist als im Euro- oder Dollarraum. Das bringt Währungen immer unter Druck. Das kennen die Europäer zum Beispiel von der italienischen Lira vor der Einführung des Euros, die wegen der hohen Inflation in Italien auch regelmäßig an Wert verlor.

Der Kursrutsch des türkischen Namensvetters hat auch Währungen von anderen Schwellenländern mit nach unten gerissen, zum Beispiel Südafrikas Rand oder die indische Rupie. Die Angst geht um, dass von der Türkei-Krise viele andere Schwellenländer betroffen sein könnten.

Viele Optionen, keine fällt leicht

Auch wenn das nicht so kommen muss, scheint für die Türkei klar: Es gibt wenig Hoffnung, dass die Lira wieder die alten Kursniveaus erreicht. „Wegen der dauerhaft höheren Inflation ist es wahrscheinlich, dass die türkische Lira auch in den nächsten Wochen und langfristig weiter fallen wird“, sagt Gunter Deuber von der Raiffeisen Bank International. Doch was kann Präsident Erdogan tun, um den Kursrutsch abzumildern? Denn Verluste von 20 Prozent an einem Tag verkraftet das Land nicht dauerhaft.

Gleichzeitig mit der Telefonkonferenz am Donnerstag zog Erdogan den Qatar-Joker. Das Emirat, das gute Beziehungen zur Türkei pflegt, versprach Investitionen von 15 Milliarden Dollar, vor allem in den Bankensektor. Schon heute ist Qatar einer der größten Auslandsinvestoren, vor allem in der Finanzbranche und in Immobilien. Doch die Wende wird das nicht bringen. Allein in den kommenden zwölf Monaten müssen Staat, Banken, Unternehmen und Bürger Schulden von 180 Milliarden Dollar zurückzahlen. Da erscheint die Finanzspritze vom Golf eher symbolisch.

Erdogan könnte auch Kapitalverkehrskontrollen einführen. Dann dürften nicht mehr beliebig viele Lira in Dollar oder Euro getauscht werden und nicht mehr in unbegrenzter Höhe das Land verlassen. Das würde den Lira-Verfall stoppen, aber alle ausländischen Unternehmen und Anleger verprellen, die noch in der Türkei investieren wollen. Da das Land dringend auf Kapital von außen angewiesen ist, sind solche Kapitalverkehrskontrollen unwahrscheinlich. Albayrak hat sie in der Telefonkonferenz auch erst einmal ausgeschlossen, was sich allerdings auch schnell ändern kann, wenn die Lage noch dramatischer wird. Auch Erdogans Aufruf an die Bevölkerung, doch bitte ausländisches Geld in Lira zu tauschen, sind die Bürger nicht gefolgt. Er könnte es verbieten, ausländisches Geld zu halten, aber das wäre ein massiver Eingriff, der Unruhen im Land auslösen könnte. Wahrscheinlich ist, die Höhe für Abhebungen ausländischen Geldes zu begrenzen.

Wird sich Erdogan bewegen?

Doch wirklich grundlegend etwas bringen würden andere Maßnahmen. Sie bergen alle ein großes Problem für Erdogan: Sie sind nicht gesichtswahrend, er müsste Fehler in seiner Politik eingestehen. Das fällt gerade Erdogan schwer.

Ringt er sich zu einer Freilassung des amerikanischen Pastors durch, könnten vielleicht die Strafzölle verschwinden. Der Wirtschaft würde das aber wie beschrieben nicht viel bringen. Wichtiger wäre eine massive Zinserhöhung der Notenbank, die die Inflation eindämmt. „Die Leitzinsen müssten über 20 Prozent angehoben werden, um ein deutliches Signal zu setzen“, sagt Türkei-Experte Deuber. Doch das hat Erdogan bisher vehement abgelehnt. Zudem: „Eine Zinserhöhung macht nur Sinn, wenn Erdogan gleichzeitig bereit ist, eine Rezession zu akzeptieren. Doch bisher redet er nur von weiterem Wachstum“, sagt Deuber. Eine Rezession sei nötig, um das hohe Leistungsbilanzdefizit auszugleichen. Dann sinken die Importe, weil die Menschen weniger ausländische Waren konsumieren und ausländische Unternehmen weniger investieren. Die Inflation kann sinken. Die günstige Lira könnte dem Export helfen.

Schließlich würde auch ein Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) helfen. Er würde der Türkei Kredite gegen Auflagen gewähren. Die Aufsicht des IWF schafft Vertrauen an den Finanzmärkten. Doch bisher hat Erdogan solche Hilfen abgelehnt, gerade wegen der damit verbundenen Kontrolle durch das Ausland. Es ist auch fraglich, ob die Vereinigten Staaten Krediten zustimmen. Sie haben im IWF ein Vetorecht. Allerdings haben sie auch ein Interesse daran, dass die türkische Krise nicht zu sehr eskaliert, denn auch amerikanische Gläubiger halten Geld in der Türkei und wichtige amerikanische Partnerländer wie Brasilien oder Mexiko könnten von der Ausbreitung der Krise auf andere Schwellenländer betroffen sein.

Die Türkei hat also noch einige Optionen, die Lage zu verbessern. Keine dürfte Erdogan leichtfallen. Hinzu kommt: Das Umfeld ist allgemein schwierig: durch steigende Zinsen in Amerika, die Geld aus den Schwellenländern weglocken, und durch steigende Ölpreise, die die hohen türkischen Energieimporte verteuern. Ob sich Erdogan bewegt, wird sich spätestens in ein paar Wochen zeigen: Dann tagt die Notenbank und muss eigentlich die Zinsen stark anheben. Bleibt das aus, kommt der nächste Lira-Crash.

www.faz.net

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