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Published on Ocak 10th, 2019 | by Avrupa Forum 3

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Obdachlosigkeit in Deutschland; Verschämt, versteckt, verdrängt – wohnungslose Frauen

Rund ein Viertel aller Obdachlosen sind Frauen. Viele von ihnen leben in einer verdeckten Wohnungslosigkeit – sie versuchen, ihren Status zu verbergen. Das „Housing first“-Konzept könnte ihnen wieder zu einem geregelten Leben verhelfen, hat sich aber in deutschen Städten noch nicht durchgesetzt.

Von Rainer Link

„Im Sommer geht es. Man findet ja überall Möglichkeiten, irgendwo zu duschen und sich sauber anzuziehen, auch was zu essen. Die Möglichkeiten gibt es überall. Tagsüber. Nur, man muss sich als Frau auch immer schützen vor den Männern.“

Frauen leben nach einem Wohnungsverlust häufig in Provisorien und unsicheren Wohnverhältnissen. Sie schlupfen bei Bekannten oder Verwandten unter und lassen sich notgedrungen auch auf das Übernachten bei Zweckpartnern und Zufallsbekanntschaften ein.

„Denen darf man nicht zu nahe kommen. Viele machen es ja so, dass sie sich an irgendeinen Mann hängen, bei dem einziehen und der benutzt sie dann nur.“

In vielen Fällen erwarten die Männer als Gegenleistung für die Bereitstellung der Unterkunft sexuelle Gefügigkeit und Unterordnung. Frauen sind nicht selten Nötigungen und offener Gewalt ausgesetzt.

Rosi Behnken führte mehr als vierzig Jahre ein durch und durch bürgerliches Leben. Sie arbeitete bei der Postbank, ihr Ehemann war Inhaber eines Einzelhandelsgeschäfts. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn. Dann ging die Firma ihres Mannes in Konkurs; das gemeinsame Haus ging verloren. Ihr Ehemann zog zu einer anderen Frau. Ein Scherbenhaufen.

„Dann habe ich mich ins Auto gesetzt. Dann bin ich nach Frankfurt runter. Ich wollte zu meiner Familie. War nicht gut, die haben mich nicht gut aufgenommen. Und eines Abends steht die Polizei vor der Tür: Ja, es geht um ihren Sohn. Ja, sage ich, was ist mit meinem Sohn? Ihr Sohn ist tot. Und das war der Absturz.“

Obdachlosigkeit bei Frauen hat vielfältige Gründe, wie Gewalterfahrungen in Beziehungen oder fehlende Schulabschlüsse (picture alliance / Arco Images)

Erste Anlaufstation: die Bahnhofsmission

So beginnt für Rosi Behnken im Jahr 2006 eine lange Odyssee durch Notunterkünfte, Tagesaufenthaltsstätten mit Nächten auf Parkbänken und in U-Bahn Schächten – auszuhalten schließlich nur noch durch betäubende Medikamente.

„In Frankfurt hat mir mal einer eine Kamera in die Hand gedrückt. Nimm mal die Kamera. Therapeutische Gründe. Ja, dann bin ich losgezogen, ich bin ja schon immer gerne spazieren gegangen. Es war dann etwas, was mich abgelenkt hat, worauf ich mich konzentriert habe. Gar nicht so richtig auf Motivsuche. Ich lasse mich durch die Stadt treiben und dann wird die Kamera gezückt.“

Rosi Behnken hat einen langen Abschnitt ihres Lebens auf der Straße fotografisch dokumentiert. Station für Station. Ihr langer Weg führte sie über Hamburg, Bremen, Karlsruhe, Frankfurt und weitere Städte, alles Orte, die eine gewisse Infrastruktur für obdachlose Frauen bereithalten.

„Ja, was macht man zuerst als wohnungslose Frau? Erst die Bahnhofsmission. Das ist ganz wichtig, die erste Anlaufstation, wenn man irgendwohin kommt, ist die Bahnhofsmission.“

Schließlich nach einem halben Jahrzehnt auf der Straße endet die Odyssee in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, in einem Sozialamt.

„Und dann habe ich gesagt, ich komme aus Süddeutschland, ich bin eigentlich Schleswig-Holsteinerin. Ich möchte mich gern hier niederlassen. Ich möchte ein neues Leben beginnen. Und innerhalb einer halben Stunde hatte ich ein Dach über dem Kopf. Das war mein Glück. Dann ging es nach und nach wieder aufwärts.“

Bitter nötig: Unterstützung in der Not

Heute lebt sie selbstständig in einer kleinen Mietwohnung in Hamburg. Die Medikamentenabhängigkeit ist besiegt. Depressionen gehören der Vergangenheit an.

Die Gründe, weshalb Frauen aus geordneten Bahnen in die Obdachlosigkeit absinken, sind vielfältig. Einer der Hauptgründe für den Wohnungsverlust von Frauen – so berichten es Sozialberaterinnen – sind desaströse Paarbeziehungen, in denen die Frauen massive Gewalterfahrungen machen mussten.

Karina F., eine blonde Frau in mittleren Jahren, zuletzt wohnhaft in Hamburg, hat gleich mehrere traumatisierende Beziehungen zu Männern durchlitten. Sie floh aus diesen Verhältnissen. Ihre Anstrengungen eine neue, eigene Wohnung zu bekommen, blieben erfolglos.

„Man arbeitet sich zu Tode, mehr oder weniger: Schichtdienst, Wochenende und alles Mögliche und versucht eine Wohnung zu kriegen, irgendwo wieder neu anzufangen. Und man kriegt überall nur Nackenschläge. Und dann habe ich halt wieder einen Mann kennengelernt.“

Ein sicherer Schutz- und Ruheraum: Wichtigste Hilfe für für wohnungslose Frauen (picture alliance / Stephanie Pilick)

Und wieder den Falschen. Und der stalkt sie noch heute. Mit viel Glück hat sie jetzt eine Übergangswohnung in einem Haus der Inneren Mission in Hamburg Altona gefunden. Ein Ein-Raum-Apartment von 30 Quadratmetern, ausgestattet mit Dusche und Küchenzeile und vor ungebeten Besuchern durch gleich zwei schwere Türen geschützt.

„Diese ganze Odyssee geht jetzt ja bei mir mittlerweile schon 13 Jahre, mit dem Terror und dem ganzen Mist, sage ich mal. Man kommt hier zur Ruhe, das kann man nicht beschreiben: diese Stille, diese Ruhe. Man kann wirklich langsam wieder zu sich selbst finden, man kann duschen, dass man weiß, da war kein anderer im Badezimmer.“

Das Haus, das zehn Frauen in Notlagen Wohnraum bietet, trägt den Namen Marianne-Döll-Haus. Es ist nach einer verstorbenen Obdachlosen benannt. Susanne Rohrmann leitet die Unterkunft.

„Wir können keine Frauen aufnehmen, die psychisch derartig erkrankt sind, dass sie eine sehr spezielle Wahrnehmung der Welt und der Wirklichkeit haben. Wir nehmen keine nassen Alkoholikerinnen auf, wir nehmen sehr wohl trockene Alkoholikerinnen auf. Wir nehmen keine Frauen auf, die von anderen Drogen abhängig sind. Wir nehmen keine Frauen auf, die substituiert werden, das machen wir auch nicht. Wir schließen hier Nutzungsverträge mit den Frauen mit einer deutlichen Präambel. Diese Präambel besagt nämlich, dass wir nicht eine Wohnung sein wollen für die nächsten 500 Jahre sozusagen, sondern, dass wir andenken, dass innerhalb eines Jahres die Frauen so weit befähigt werden, von hier aus die eigene Wohnung zu suchen und zu finden.“

Nicht jede Frau in einer Notlage kann hier also einziehen. Aber die Glücklichen, die hier auf die Dauer eines Jahres unterkommen, finden jede Art von Unterstützung. Und die ist auch bitter nötig, denn Inkasso-Dienste versuchen bei machen Frauen die Schulden vergangener Jahre einzutreiben. Krankenkassen und Jobcenter müssen kontaktiert werden. Und die abgebrochenen Kontakte zu Familienangehörigen müssen unter neuem Vorzeichen reaktiviert werden. Susanne Rohrmann:

„Ganz klar ist, dass die Frauen die Chefinnen sind. Die entscheiden, was sie sich zumuten wollen, was sie sich zutrauen, wovor sie sich noch fürchten. Wo sie vielleicht Ermunterung brauchen oder auch nicht.“

Entscheidend: soziale Herkunft und Beruf

Karina F., die durch den zurückliegenden Stress seelisch gelitten hat und auch erkennbar an Körpergewicht verloren hat, blickt jedenfalls nach langer Leidenszeit wieder optimistisch in die Zukunft.

„Man fängt langsam wieder an, so zu genießen. Ich mache morgens beim Kaffeetrinken das Fenster, Balkon alles auf – ich rauche ja auch nur draußen – die Vögel zwitschern. So geht das jetzt langsam los.“

Susanne Rohrmann arbeitet seit vielen Jahren mit wohnungslosen Frauen. Im Marianne-Döll-Haus sind in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten rund 250 Frauen betreut und die meisten erfolgreich in den regulären Wohnungsmarkt entlassen worden. Nach ihren Erfahrungen spielen die soziale Herkunft sowie der Bildungs- und der Berufsstatus bei der Entstehung von Wohnungslosigkeit eine entscheidende Rolle.

„Bei den Bildungsabschlüssen können wir feststellen, dass wir überwiegend Frauen haben, die keinen Schulabschluss haben oder einen Hauptschulabschluss. Wir haben aber auch die abgebrochene Hochschulabsolventin dazwischen. Hinsichtlich der Berufstätigkeiten ist es so, dass wir überwiegend Frauen haben mit sehr gebrochenen Erwerbsbiografien und auch nicht wenige Frauen, wo es keine Erwerbsbiografie gibt.“

Saubere Kleidung, hochgestecktes Haar

Zwar sind weniger Frauen als Männer wohnungslos, aber seit Jahren nimmt die Zahl der wohnungslosen Frauen kontinuierlich zu. Nach Schätzungen sollen rund ein Viertel der Nichtsesshaften weiblich sein. Im Unterschied zur männlichen, „sichtbaren Wohnungslosigkeit“ ist die spezifische Erscheinungsform bei Frauen die „verdeckte Wohnungslosigkeit“. Man erkennt sie – wenn überhaupt – nur auf den zweiten Blick. Frauen versuchen, so sagen es Sozialarbeiterinnen, entstandene Wohnungslosigkeit verdeckt zu leben, ihre Notlage zu verbergen, um die gesellschaftliche Anerkennung als Frau nicht ganz zu verlieren. Korrekte, saubere Kleidung ist die Voraussetzung, um als normale Passantin durchzugehen. Dem trägt man Rechnung im Tagestreff Kemenate, einer Hamburger Einrichtung für wohnungslose Frauen. Sozialpädagogin Tanja Lazarevic.

„Das ist unsere Kleiderkammer, für Frauen sehr wichtig, weil ein Großteil ja nicht auffällt und nicht auffallen möchte, weil Wohnungslosigkeit bei Frauen immer mit Schutzlosigkeit einhergeht. Um sich nicht schutzlos draußen bewegen zu müssen, achten viele Frauen darauf, gepflegt auszusehen. Hier können sie sich neu einkleiden. Wir haben einfach eine tolle Spendenbereitschaft uns im Laufe der Jahre aufgebaut, die bringen hier ganz tolle Klamotten für die Frauen mit. Die ist halt sehr beliebt.“

Notunterkünfte für Obdachlose – nur eine Lösung auf Zeit (picture alliance / Angelika Warmuth)

Nicole Förster hat die zahlreichen Hilfsangebote der Tagesstätte Kemenate schon häufig in Anspruch genommen. Obwohl sie seit längerer Zeit auf der Straße lebt, sieht Sie gepflegt aus. Ihr Haar ist sorgfältig frisiert und hochgesteckt. Ihre braunen Lederstiefel frisch geputzt. Wohl niemand würde hinter diesem Erscheinungsbild eine Langzeit-Obdachlose vermuten. Dennoch wohnt sie prekär, seit sie vor Längerem ihre Wohnung verlor.

” … und habe dann erst mal in meinem Auto gewohnt und dann konnte das nicht mehr auf der Straße stehen, weil das mangels Meldeadresse keine Zulassung mehr hatte. Dann hat mir ein Freund seinen Hänger, also so ein Anhänger für Baumaterial geliehen, der aber so ein Verdeck hatte. Und dann habe ich da erst mal eine Zeit lang geschlafen. Und natürlich in allerbester Wohnlage, direkt an der Alster, weil ich dachte, wenn schon, denn schon. Am Anfang wusste ich noch nicht, dass es Einrichtungen für Obdachlose gibt.“

Deshalb improvisierte sie bei der Essensbeschaffung.

„In den Hotels gab es an den Rezeptionen immer so Körbe mit Äpfeln und da habe ich die ganzen Hotels in der Innenstadt abgeklappert und mir überall einen Apfel geschnappt. Habe so getan, als wäre ich Hotelgast. Konnte ich mir auch leisten, weil ich immer sehr viel Wert darauf gelegt habe, trotz der Lage gepflegt auszusehen.“

Anfangs bezog sie noch staatliche Sozialleistungen, vermied aber nach einer gewissen Zeit den Kontakt zu den Sachbearbeitern, weil sie das ganze Prozedere im Sozialamt als entwürdigend empfand.

„Wenn ich Flaschen gesammelt habe, hatte ich meinen Weg um die Alster herum am Jungfernstieg vorbei. Bevor ich zum Rathausmarkt kam, bin ich durch das Alsterhaus gelaufen, bin durch die Parfümabteilung und habe mich mit allem was ich jemals geliebt und gemocht habe vollgesprüht. Und bin auch irgendwann mal von einer Dame auf der Straße angesprochen worden, die gefragt hatte: Wonach duften Sie denn? Und da habe ich gesagt: Einfach nach allem.“

Wohnungslose Frauen sterben früher

Das Leben auf der Straße macht krank. Im Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf haben verschiedene Doktoranden über einen Zeitraum von rund 23 Jahren die Befunde von gut 1.000 zu Tode gekommenen Obdachlosen beiderlei Geschlechts ausgewertet. Eingeflossen sind Sektionsbefunde und Befunde der Äußeren Leichenschau.

Das durchschnittliche Todesalter von wohnungslosen Frauen wurde mit 49 Jahren errechnet. Es ist seit den 1990er Jahren zwar um rund fünf Jahre angestiegen, die Frauen wurden demnach zwar älter, allerdings sterben sie gegenüber den Durchschnittsfrauen trotzdem 30 Jahre früher. Die meisten Wohnungslosen waren zum Zeitpunkt ihres Todes in einem mäßigen bis schlechten körperlichen Zustand, oft sogar verwahrlost. Überraschend der Befund, dass nur ein Viertel aller sezierten Frauen zu Lebzeiten Alkoholikerinnen gewesen sind. Bei Männern lag dieser Wert mehr als doppelt so hoch. Je länger das Leben auf der Straße währte, desto schlechter der Gesundheitszustand, desto drückender die Suchtproblematik.

Seit fast drei Jahrzehnten besteht der Tagestreff Kemenate als Anlaufstelle für wohnungslose Frauen in Hamburg. Tanja Lazarevic führt durch die Einrichtung.

„Zu meiner linken an der Wand haben wir 44 kleine Schließfächer für die wohnungslosen Frauen, in denen sie ihre wichtigsten Unterlagen, Habseligkeiten sicher verwahren können. Dann haben wir hier in diesem Raum noch zwei Computerarbeitsplätze mit Internetzugang. Wir werden hier auch drei Mal in der Woche von der Hamburger Tafel beliefert und aus den Lebensmitteln wird hier gekocht. Und der Rest wird dann verteilt. Wir haben hier immer ein Repertoire an Schlafsäcken und Iso-Matten aus Spenden. Und dann beinhaltet die Grundversorgung auch, dass die Frauen hier Wäsche waschen können. Dann gibt es hier einen Ruheraum, in dem die Frauen Tagesschlaf machen können. Wir achten da auch drauf, dass die Frauen hier schlafen können. Dann wird die Tür zugemacht und frische Bettwäsche ausgegeben.“

Niemand wird in der Kemenate abgewiesen, Suchterkrankungen und psychische Traumata werden akzeptiert. Allen wird zugehört, aber am Ende des Tages schließen sich die Türen doch wieder und die Frauen stehen erneut auf der Straße beziehungsweise gehen in ihre Übergangseinrichtungen. Wie auch Patricia, die ehemalige Krankenschwester, die jetzt selbst auf die Hilfen des Gesundheitssystems angewiesen ist.

„Das Leben, das familiäre, das mir privat so weggebrochen ist, das ich das hier irgend wieder habe und mich einfach auch sehr wohl fühle. Hier sind eben auch viele Frauen, die eine psychiatrische Diagnose haben. Und man weiß, wie man miteinander umzugehen hat.“

Nach einer Ehe mit viel physischer und psychischer Gewalterfahrung, floh sie zunächst nach Österreich und suchte dort nach Arbeit und Unterkunft. Vergebens.

„Und ich bin in meine Heimatstadt Hamburg zurückgekommen, aber ohne eine Wohnung, ohne Familie. Und dann war ich zwei Tage im Hotel. Das war im März 2012. Und bin dann zum Amt gegangen, und die haben mir etwas zugewiesen. Ich musste zwei Monate mit einer Drogenabhängigen im Doppelzimmer verweilen und habe dann ab 1.11. letzten des Jahres ein Einzelzimmer bekommen, aufgrund meiner psychischen Erkrankung, sonst hätte ich das auch gar nicht.“

Eine eigene Wohnung stabilisiert

Patricia leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und ist dringend therapiebedürftig. Für sie steht eine eigene Wohnung erst einmal nicht auf Platz eins ihrer Wunschliste.

„Ich mache eine stationäre Trauma-Therapie noch mal im Klinikum Ochsenzoll. Und danach eine WG, nur mit Frauen, für psychisch erkrankte Frauen, für einen gewissen Zeitraum, aber wo eben auch 24 Stunden eine Sozialarbeiterin ist, also im Schichtdienst. Das ist so für mich das Beste, weil, allein in einer Wohnung, das schaffe ich noch nicht. Dafür bin ich noch zu krank und das ist alles zu massiv gewesen.“

Unterstützung und Hilfe für wohnungslose Frauen in der Zentralen Frauenberatung in Stuttgart (picture alliance / Bernd Weißbrod)

Die Zeit, die vergehe, bis ein betreuter Obdachloser wieder in die eigene Wohnung komme, sei zu lang, sagen Fachleute. Man lerne auf der Straße oder in einer Einrichtung andere Dinge als das Leben in den eigenen vier Wänden. Zahlreiche Studien belegen, Obdachlose, die schnell wieder eine Wohnung kriegen und dann im Alltag unterstützt werden, kommen besser zurecht als die Obdachlose, die erst Jahre lang in Wohnheimen gelebt haben und beweisen sollten, dass sie „wohnfähig“ sind. „Housing First“ heißt ein für Deutschland relativ neuer Ansatz. Man könnte ihn übersetzen mit: „Erst eine Wohnung und dann …“

Anfang der 90er-Jahre startete die Idee in New York. Inzwischen gibt es diese Projekte auch in zehn europäischen Städten beispielsweise in Amsterdam, Glasgow und Lissabon. Statt des Versuchs, den Menschen auf der Straße ihr Leben durch Suppenküchen, ambulante medizinische Versorgung und Tagesbetreuung erträglicher zu gestalten, bekommen die Wohnungslosen beim „Housing first- Konzept“ zuerst eine Wohnung, ohne dass Sie Bedingungen zu erfüllen hätten. Eine Mietwohnung mit unbefristetem Vertrag und eigenem Schlüssel. Auf dieser stabilisierenden Grundlage lassen sich dann die anderen Probleme wie Schulden, Depressionen, Sucht oder Arbeitslosigkeit leichter angehen, sagen Fachleute.

Die statistischen Auswertungen belegen Erfolge des „Housing first-Konzepts“ in den USA und in europäischen Metropolen: Je nach Projekt lebten 78 bis 90 Prozent der ehemals Obdachlosen auch nach zwei Jahren noch in den ihnen zugewiesenen Wohnungen. Dies gilt auch für Langzeitobdachlose mit Suchtkrankheiten oder psychischen Problemen. In der herkömmlichen Arbeit mit Obdachlosen konnten nur 30 bis 40 Prozent die eigene Wohnung über den Zeitraum von zwei Jahren halten.

Fazit der Fachwelt: „Housing First“ bringt den Menschen mehr Ruhe, mehr Normalität und eine höhere Lebensqualität. Es hat aber auch erkennbare Grenzen: Es ist keine Suchttherapie und kein Wundermittel gegen Armut und Arbeitslosigkeit. Man dürfe die ehemals Obdachlosen in ihren neuen Wohnungen deshalb nicht allein lassen. Man müsse ihnen weitere Angebote machen.

In Hamburg hat man sich bereits im Jahr 2012 auf einer Fachtagung der Diakonie für das Modell „Housing first“ ausgesprochen. Die grassierende Wohnungsnot an der Elbe hat aber diese erfolgversprechende Reformidee nicht tragfähig werden lassen. In Berlin fand im Oktober 2018 ein Strategiekongress aller an der Bekämpfung von Wohnungsnot Beteiligten statt. Eines der Ergebnisse: Der Berliner Senat stellt Geld zur Verfügung, um in einem dreijährigen Modellversuch das „Housing first-Konzept“ für zunächst 80 obdachlose Personen auszuprobieren.

www.deutschlandfunk.de

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